Kinder verstehen die Welt nicht mehr – und die Erwachsenen auch nicht

ein unpolitischer, emotional-moralischer Appell von Patrice Baunov

Gemeinsame Erlebnisse und Aktivitäten sind ein wichtiger, wenn nicht sogar elementarer Bestandteil zwischenmenschlicher Bindungen – für jeden Menschen ist es wichtig Erfahrungsräume zu haben, in welchen man sich frei entfalten und ausleben kann. Dafür sind besonders die Peer-Groups in all ihren Formen sehr wichtig, für Jung und Alt.

Jedoch befinden wir uns gerade in einer Situation, in welcher die sonst so alltäglich gegebenen Möglichkeiten immer weniger zugänglich sind. Das Lebenswerte und Lebensaufwertende scheint mehr und mehr der Erfahrbarkeit zu entschwinden. Etwas fehlt, etwas ganz elementar Menschliches – das Zusammensein mit Anderen, die Befriedigung des Gesellschafts- und Kontaktbedürfnisses mit Anderen sozial zu interagieren; der Grundstein einer Gesellschaft. Wenn dies aber fehlt, so führt das womöglich hin zu einer freudlosen, gesellschaftslosen Gesellschaft.

„Mama, Papa – warum dürfen denn alle keinen Spaß mehr haben?“ hörte ich kürzlich ein Kind verwundert und gleichzeitig traurig klingend dessen Eltern fragen, während die Familie an mir vorbeilief.

Keine der sonst so eingespielten, täglichen Routinen und Rituale mehr, kein morgendlicher Stuhlkreis, keine gemeinsame Frühstücksrunde, keine Spielstunde und noch so vieles anderes nicht mehr. Es ist kaum noch Lachen zu vernehmen, kaum noch Freude zu verspüren, man kann kaum Freunde treffen, kein gemeinsames Musizieren, Singen oder Tanzen, keine Gemeinschaft, kein Austausch, und das trotz der Digitalisierung des Lebens. Den gekannten, eingespielten Rhythmus des gewohnten Alltags gibt es momentan so nicht mehr. Eine Umstellung der Lebensweise in solch kurzer Zeit mit wöchentlichen Veränderungen ist für viele schwierig bis teilweise gar unmöglich, da niemand vorbereitet war und teilweise noch immer nicht ist, um mit all diesen Gegebenheiten den neuen Alltag zu improvisieren.

Was ist mit all den gesellschaftsbedürftigen Menschen, die die Gesellschaft anderer benötigen, um ihre Lebensfreude zu erfahren oder gar ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Was ist mit den Kunst- und Kulturschaffenden? Deren Existenz wird ihnen alternativlos geraubt – zumindest fühlt es sich so an. Was ist mit all den Schulabgänger*innen, den Berufs- und Studienanfänger*innen, die gerade einen neuen Lebensabschnitt beginnen, um sich selbst und die Welt zu entdecken?

Das Zuhause, welches sonst in äußeren Krisenzeiten und Unsicherheiten dann zumeist als Ort des Rückzugs, der Sicherheit und Geborgenheit dient, wird nun ironischerweise selbst zum Ort des Unwohlseins, der Angst, der Vereinsamung und Isolation, teilweise sogar zum Ort der Gewalt und Aggression. Menschen in prekären Wohnverhältnissen, in einer sehr kleinen Wohnung oder aber auch nur ohne Balkon, Terrasse oder Garten, fühlen sich eingeschlossen. Aber selbst für Menschen in normalen und guten Wohnverhältnissen wird das eigene Zuhause mehr und mehr zum mentalen Gefängnis – und das für Jung und Alt gleichermaßen.

Es sind oft die Unkenntnis, das Unvermögen, die mangelnde Kreativität oder Inspiration zur Selbstbeschäftigung oder zur Betreuung der eigenen Kinder, die den jetzigen Alltag der Menschen erschweren. Vor allem für diejenigen, die nun den Job (mit oder ohne Home Office) mit einer rund um die Uhr Kinderbetreuung in den eigenen vier Wänden vereinbaren müssen, wird es zur seelischen Zerreißprobe. Alle lieben ihre Kinder, Partner*innen, Familienmitglieder, und waren bzw. sind froh mehr Zeit miteinander zu haben, aber gleichzeitig kann dies bei fehlender Unterstützung bei den neuen, kleinen, alltäglichen, aber sehr realen Schwierigkeiten und Herausforderungen während dieser Pandemie zur Belastung werden. Da helfen auch zusätzliche Kinderkrankengeldtage, Home-Office und anderes leider nicht viel.
Wie schafft man es, den neuen erzwungenen, gemeinsamen (oder allein, isolierten) Alltag zu regeln, welcher sonst unter normalen Umständen für jede einzelne Person bzw. jedes einzelne Familienmitglied komplett anders ist? Wie lässt sich diese neue Herausforderung stemmen? Mit Hilfe von Sozialarbeitern, Pädagogen oder Psychologen in Form von Online-Kommunikation? Da stellt sich dann die Frage der Finanzierung, aber auch die der zeitlichen und organisatorischen Vereinbarkeit mit Beruf, Kurzarbeit, Studium, plötzlicher Arbeitslosigkeit und dem generellen „Meistern“ des Alltags.

Auch finanzielle Überbrückungshilfen helfen da nicht viel – Lebensfreude lässt sich nicht kaufen, vor allem dann nicht, wenn es kein erfahrbares Kultur- und Freizeitleben gibt, für welches man dieses Geld ausgeben könnte. Die Grundexistenz (Nahrungsmittel, Genussmittel, Lebenshaltungskosten) mag für viele, aber nicht jeden, gesichert sein, doch wie lebenswert fühlt sich das Leben ohne das eigentlich Lebenswerte an? Zuhause eingesperrt in den eigenen vier Wänden, alleine, nur mit den Möglichkeiten der digitalen, virtuellen Kommunikation als Flucht aus der Misere – eine neue, sich anbahnende Virtual Reality.

Virtuelle Kommunikation kann die echte, physische zwischenmenschliche Interaktion aber nicht ersetzen – nicht ohne tiefgreifende, gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Und ohne jegliche Vorbereitung oder passende Unterstützung geht ein solch spontaner, kompletter Lebensumbruch bei vielen Menschen oft Hand in Hand mit mehr oder weniger schnell, aber auf jeden Fall eintretenden psychosozialen, emotionalen Problemen.

Die Frage, die für viele im Raum steht: „Wie organisiere ich mich selbst bei dem Verlust meiner eigentlichen Lebensinhalte?“

In gewisser Weise fühlt sich die gesamte Situation an wie eine systematische Zerpflückung des Gesellschaftslebens, eine Minder- oder gar Nichtwertschätzung heutiger, moderner, miteinander verwobener Lebensentwürfe.

Die Auswirkungen der aktuellen Situation können zu abnehmender Gesellschaftsfähigkeit führen, insbesondere bei Kindern und Heranwachsenden, da grundlegend entwicklungsfördernde, gesellschaftliche, zwischenmenschliche Interaktionen in heterogenen, sowie eingespielten, gekannten, ritualisierten und routinierten Kontexten fehlen. Peer-to-Peer-, aber auch alters- und milieuübergreifende Erfahrungsräume sind nicht mehr vorhanden bzw. in viel zu geringem Maße. Für Kinder verlagert sich diese zwischenmenschliche Interaktion nun alleinig auf die Eltern, welche leider auch nicht immer unbedingt selbst in der Lage sind, kindestypgerecht zu interagieren. Aber auch die Erwachsenen tragen ebenso Störungen davon.

Es scheint als würde die Wichtigkeit positiver Gefühle, der Freude, schöner, außergewöhnlicher, besonderer Erfahrungen und das Empfinden von Glück(seligkeit) durch kulturfreizeitliche Beschäftigungen oder durch Spielen und Austausch mit anderen zur Aufrechterhaltung des menschlichen Wohlseins und Wohlgefühls außer Acht gelassen. Doch auf Dauer wird das Fehlen eben genau jener Gefühle zur geistlichen, mentalen und emotionalen Verwahrlosung führen, was wiederum Depressionen, Angstzustände und Existenzängste nach sich zieht – eine kollektive Massendepression in allen Altersgruppen, von den Kindern hin bis zu den Alten.

Doch wann genau wird dies spürbar sein? Wann und wie werden wir diese Konsequenzen vermehrt und verstärkt auftretend wahrnehmen?

Auch wenn wir heute im digitalen Zeitalter leben, so ist unser Gefühlsleben der Zwischenmenschlichkeit und den damit verbundenen Emotionen eben (leider oder glücklicherweise?) noch nicht digital. Unsere Gesellschaften und Gesellschaftssysteme haben sich über Jahrtausende hinweg auf emotionalen, taktilen, greif- und erfahrbaren Beziehungen aufgebaut – Kontakt mit anderen, soziale Interaktion und die physisch spürbaren Erlebnisse von Erfahrungen (oder Erfahrungen von Erlebnissen) sind essentiell für uns als Wesen; das kann auch keine Virtual Reality mal ebenso ändern.

Ganz so wie unser eigener Körper als Organismuskomplex in Symbiose und Kooperation mit sich selbst und seiner Umwelt interagiert, funktioniert und sich entwickelt, so ist auch die Symbiose zwischenmenschlicher Beziehungen mit Erlebniserfahrungen in der uns umgebenden Umwelt und deren Akteuren von essentieller Bedeutung für die menschliche Gesellschaft und unsere emotionale Entwicklung, Förderung und letztendlich Gesundheit.

Wo sind also bitte die sozialgesellschaftlichen Hilfestellungen nebst all den wirtschaftsgesellschaftlichen?

Wo ist die soziale Solidarität, der soziale Zusammenhalt und das Vertrauen? In dieser Hinsicht fehlt es an Informationen, Aufklärung und vor allem an Unterstützung.

Die Politik sagt sie hat Verständnis für die prekäre Lage der Menschen, ja, das habe ich auch; rational gesehen. Aber wie sieht es aus mit dem Fühlen und Empfinden? Kann die Politik denn die Emotionen der Gesellschaft verstehen?

Für mich stellt sich die große Frage:

Versteht denn irgendjemand wirklich die Auswirkungen des kollektiven, psychosozialen Kollateralschadens, den all diese wirtschaftsgesellschaftlichen Hilfsmaßnahmen im Namen der Gesundheit – mit den aber tatsächlich doch so notwendigen Beschränkungen und Maßnahmen im sozialgesellschaftlichen Leben – als Nebeneffekt zur Folge haben, wenn wir neben der rein physischen Gesundheit (gemeinsam mit dem Wirtschaftssystem, der „physischen, materiellen Gesundheit“ des Staates bzw. der Gesellschaft) nicht auch der emotionalen Gesundheit (kulturelles Sozialgefüge der Gesellschaft) endlich mehr Aufmerksamkeit, Unterstützung und Hilfsmaßnahmen zukommen lassen?

Dieser Text ist ein unpolitischer, emotional-moralischer Appell aus der für mich so gefühlten gesellschaftlichen Mitte, denn meiner Meinung nach gibt es in dieser ganzen Corona-Thematik leider nur viel zu viel Schwarzweiß-Denken, oft nur extreme Meinungen – es ist entweder extrem gefährlich oder harmlos, die Pandemie ist echt oder nur ein Vorwand, es geht um totale Gehorsamkeit oder absolute Ablehnung, man ist dafür oder dagegen, man muss sich zu hundert Prozent strikt an alle Maßnahmen halten oder sie konsequent verweigern.

Aber was ist mit all denen dazwischen? Was ist mit mir?


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